„Traurig, aber wahr!“, er hört es schon wieder. Wie oft hat er diese Geschichte erzählt in den letzten acht Jahren, hundert, vielleicht hundertwanzig Mal.
Diese Antwort, sie kam sooft, sie kam jedesmal so überzeugt, jedes einzelne Mal.

„Ein Feigling, sich einfach aus dem Leben zu verpissen“, auch diese Wort vielen oft. Alleine diese Worte über einen toten Freund zu hören, es hat ihm sooft den Schlaf geraubt in der Nacht. Denn er weiß, sein Freund war kein Feigling.

„Was willst du machen?“

„Wenn jemand erst so verzweifelt ist…“, zwei weitere der Antworten, die immer wieder fielen. Genauso überzeugt.

Ein einzelner hatte sich enthalten in den ganzen Jahren, er wolle lieber nichts dazu sagen.
Aber auch das konnte er nicht wirklich als ein aus der Reihe tanzen empfinden, oder ein ihm entgegenkommen, was die von ihm aus erhoffte Antwort  anging. Er hat einfach geschwiegen, um sich nicht die Zunge zu verbrennen.

Denn er wusste genau, wie wichtig ihm sein Freund war, er wusste, was er mit denen gemacht hatte, die kurz nach seinem Tod noch  glaubten über ihn lachen zu müssen.

Komischerweise erweckten sie alle miteinander, wie sie auch waren und antworteten den Eindruck, als würden sie davon ausgehen, dass sie mit ihren Antworten dem entsprechen, was er sich als solche erhoffte.
Als würden sie ihm einen Gefallen damit tun, aber nicht ein einziger von ihnen kam dem, was er wirklich hören wollte auch nur ansatzweise nahe.

Denn er hatte nicht immer wieder von diesem Tag erzählt, an dem er seinen Freund ein letztes Mal sah, um Mitleid zu erhaschen, oder weil er das Gefühl brauchte, nicht schuldig zu sein, um sich vor seinem Gewissen selber freisprechen zu können.

Nein, er gab und gibt sich nicht die Schuld an seinem Tod.

Doch dieser Tag, er läuft immer wieder vor ihm ab, wie sie sich trafen, in den Wald fuhren, auf eine Bank mit Ausblick.
Sein Freund, er war besonders freundlich an diesem Tag, er wirkte teilweise schon fast aufdringlich.
Immer wieder, bestimmt zehnmal, sah er ihm ins Gesicht und sagte einfach nur, dass er besonders gerne Zeit mit ihm alleine verbringen würde.
Man könne über alles reden, ohne Angst, einfach mal träumen, als sie sich später noch in einem verlassenen Haus trafen, um den Tag ausklingen zu lassen, sagte er es ein letztes Mal.

„Was glaubst du, wo kommen diese Steine her, das Holz, aus dem dieses Haus gebaut wurde? Ich unterhalte mich so gerne mit dir, einfach über alles, ich verbringe so gerne die Zeit mit dir zu zweit.“

„Alter, was gehtn mit dir ab heute?“

So war seine Antwort diesmal, denn langsam begann es echt zu nerven.
Sie gingen kurze Zeit später in den anliegenden Jugendclub, war eh keiner da. Und er wollte Fernsehen gucken, dieses Gelabber, manchmal kann es einem echt verdammt auf den Sack gehen.

„Punk-Rock-Rebel von Millencollin, das wünsche ich mir.“

„Aaaalter, wobei?“

„Auf meiner Beerdigung. Es erinnert mich an uns.“

„Alter, labber keinen Scheiß, konzentrier dich aufs Leben, hast du genug zu tun“, antwortete er leicht amüsiert über diese Spinnerei, so war er nun mal, sein verrückter Freund.
Fünf Minuten später fuhr der rote Geländewagen seines Vaters auf den Parkplatz.

„Bis in zwei Wochen“, so lange würden sie sich nicht sehen können, denn sein Freund verabschiedete sich in den Urlaub.

Zwei Wochen später sahen sie sich schließlich wieder. Er erinnert sich genau, wie er ihn anblickte, es war einfach so unfassbar.
Unfassbar laut, dieses Lied. Unfassbar weit weg erschienen ihm die um ihn versammelten Menschen. Unfassbar tief schien das Loch, ihn das er blicken musste, um seinen Freund dort liegen zu sehen.
In einer Holzkiste. Die Augen geschlossen. Für immer.
Es lief Punk-Rock-Rebel. Von Millencollin
Er hatte seinem Leben ein Ende gesetzt, mit einer Plastiktüte. Einem Kasten Bier und einer Plastiktüte.
Er war sich ganz offensichtlich nicht sicher wo er landen würde, ob er überhaupt landen würde.
Er war sich nur sicher, hier nicht sein zu wollen. Nicht mehr.

Immer wieder hat er diese Geschichte nun erzählt, doch alle die, die so überzeugt wirkten und es wohl auch waren, überzeugt davon, das Richtige zu sagen, niemand von ihnen kam scheinbar auch nur auf die Idee, über die Antwort so oder so ähnlich wie er sie sich erhoffte, nachzudenken.

„Mach dir keine Vorwürfe.“ Macht er aber.

„War nicht deine Schuld.“ War es auch nicht.

„Du konntest nichts tun.“ Oh doch, das hätte er gekonnt.

Einen ganzen Tag lang hat sein Freund ihm immer wieder gesagt, wie wichtig er ihm war, was er an ihm hat.
Warum er seine Anwesenheit so genießt, nicht  ein einziges verdammtes mal war er in der Lage, eine Antwort zu geben, die dazu geeignet wäre das Gefühl anders herum genauso zu vermitteln.
Nicht ein einziges Mal.
Selbst als er von seiner Beerdigung begonnen hatte zu reden, er nahm ihn einfach nicht ernst.

Und als er es für sich auf der Beerdigung noch merkwürdig empfand, nicht wie alle anderen Tränen vergießen zu können, so sehr wurde es ihm ein paar Wochen später, als es das erste Mal aus ihm heraus brach, mit einem klar, warum.

Schuld war er nicht, nein.

Aber Verantwortung wird er tragen müssen, das war ihm ab diesem Moment bewusst.

Nicht ein Wort darüber, warum sich sein Freund, den er liebte, sich nicht sein Leben nehmen dürfe.
Das er ihn nicht alleine lassen dürfe, dass er ihn braucht.
Das alles wäre es gewesen, was es gebraucht hätte, plus die Art, die er sich angeeignet hat, anderen zu sagen, was sie ihm bedeuten, nach diesem traurigsten Ereignis in seinem Leben, dann hätte er seinen Freund noch lebend erleben dürfen, auch nach seinem Urlaub.
Kein wenn. Kein aber.

Er hat ihn förmlich angebettelt darum, dass man ihm seinen Wert, seinen Wert für unser Leben bewusst macht.
Er hat es nicht begriffen.
Die Hoffnungen, die in ihn investiert wurden, er hat sie enttäuscht

Und ja, anfangs hat er die Geschichte tatsächlich noch erzählt, weil er Mitleid brauchte, weil er den Zuspruch brauchte, um sich besser zu fühlen.
Bis er irgendwann dieses komische Gefühl bekam. Nicht das Schuldgefühl, das plagte ihn eh schon. Nicht das komische Gefühl, was man hat, wenn man als einziger in einer Situation falsch handelt.
Diese Scham, als einziger so dumm gewesen zu sein. Sie war es nicht.

Nein, so komisch es klingt, dass Gefühl, das er bekam, als er feststellte, dass niemand anders gehandelt hätte als, wäre  er in seiner Situation gewesen, es machte ihn langsam fertig.
Manchmal waren sie noch stolz, mit ihm Verbundenheit zeigen zu können.

Er erzählte sie wieder und wieder, Freunden und Fremden, vis-a-vis und im Internet.
Am Ende mit dem Finger darauf deutend, dass er der Meinung sei, nicht das er Schuld sei, nein, aber er das er der Meinung ist, er hätte ihn retten können.

„Nein, da kann keiner was machen.“
„Sich einfach zu verpissen, sowas.“
„Irgendwie mache ich ihm ja auch Vorwürfe.“

Und nun hat er es oft genug erzählt.
Denn er hätte etwas machen können, sein Freund hatte sogar darauf gezählt.
Er tat es nicht.
Niemand hätte es, keiner der unzähligen Menschen hätte etwas getan, das steht fest.
Denn was aus ihnen Sprach war die Überzeugung, nicht die Vorsicht um ihm nicht zu Nahe zu treten.
Keine Alarmleuchten, kein Mitgefühl mit dem toten Freund, nicht mehr als man es ihm entgegenbrachte, dabei hatte er es sich weder verdient noch hätte er es gebraucht.
Nicht eine Nachfrage, an die er sich erinnern könnte. Also nicht mal die Idee, evtl. etwas ändern oder helfen zu können.

Hundert, hundertzwanzig Mal hätten wir ihn um ein paar nette Worte betteln lassen, von keinem hätte er sie bekommen. Selbst wenn sie es gemeint hätten.
Niemand hätte ihn gerettet.
Niemand hätte auch nur gemerkt, dass er in der Lage gewesen wäre es zu tun.

Und genau das zu hören, darum erzählte er diese Geschichte immer wieder.
Um nur ein „ich hätte versucht“, ein „ja, aber“, vielleicht ein „hast du denn wenigstens“ zu bekommen, nichts.
Hoffnungslos.

Er hat nach dem einen gesucht, der ihm zwar keine Schuld zusprechen, aber doch an seinen Einfluss bei seinen Freunden erinnern sollte.
Der ihn überzeugen hätte können, er hätte anders gehandelt.
Nicht um anzuklagen, sondern um einen einzelnen für eine nie begangene Heldentat als Held feiern zu können.
Es ist ihm bewusst, es ist verrückt, wie das klingt.
„Was haben wir daraus gelernt?“, begann er sich zu fragen.
„Nichts“, muss er am Ende antworten.
Im Gegenteil.

Und doch kann er sich nicht damit abfinden, dass der Tod seines Freundes umsonst war, auch wenn er für die nächsten keine Rettung bedeuten würde.
Er hatte gelernt. Sich geschworen, so etwas nie wieder zulassen zu müssen.

„Die traurige Wahrheit? Das einzig traurige, was ihr wahr nehmt an dieser Geschichte, es ist alles, aber nicht die Wahrheit.

Die traurige Wahrheit? Die Wahrheit und die Traurigkeit, sie gehören zusammen.

Die traurige Wahrheit? Niemand von euch redet noch davon, was er hätte tun können, was richtig gewesen wäre. Ihr gebt ihm Schuld, seit wütend. Der nächste, der nur ein Wort der Liebe so gebrauchen wird, wie er damals, er ist genauso verloren.

Die traurige Wahrheit? Ihr bildet euch ein, nicht falsch zu handeln, es bedeut das Richtige zu tun.

Die traurige Wahrheit?  Das bedeutet es nicht.

Die traurige Wahrheit? Jemand der sich das Leben nimmt, er tut es nicht um zu verletzen. Sondern um nicht länger verletzt zu werden. Nicht um anzugreifen. Sondern weil er nicht mehr weiß, wie er sich vor uns schützen soll.

Die traurige Wahrheit? Menschen, die mit dem Leben abgeschlossen haben, sie sind entspannt, erleichtert, die letzten Tage, Stunden, Minuten vor ihrem Tod. Denn sie wissen: Bald, endlich, dann wird es vorbei sein. Die Angst, sie wird ein Ende haben, endlich.
Die Angst vor uns.

Die traurige Wahrheit? Unter all den Überzeugten, all den Anklägern, unter all den Aussagen die getroffen wurden rund um das Thema. Die Worte die er nie hörte, sie blieben hängen. Denn er weiß inzwischen, warum sein Freund bis zur hoffnungslosigkeit um sein Glück bangte: Weil er befürchtete, er müsse leben in dem Gefühl, dass er seine Schmerzen für immer mit sich tragen muss.
Weil er Angst hatte, er müsse leben in dem Gefühl oder mit der Last: Keine unserer Schultern kann, will und wird ihm etwas von der Last nehmen.
In dem Gefühl, andere Menschen könnten ihm nie zeigen, dass sie ihn so lieb haben, wie er sie lieb hatte.

Die traurige Wahrheit? Dieses Gefühl. Er hatte tatsächlich Recht.“

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