„Morgen“, betritt er freudestrahlend die Küche, genau wie an jedem anderen, gewöhnlichen Morgen auch.
„Morgen, HAPPY BIRTHDAY“ fällt ihm seine Mutter direkt um den Hals, denn heute ist keiner dieser anderen, gewöhnlichen Morgende.
Es ist sein Geburtstag. Der 18. So lange hatte er sich auf diesen Tag gefreut. Pläne waren längst geschmiedet.
Was er bis zu diesem Tag alles geschafft haben wollte. Was er ab diesem Tag alles schaffen will.
Er hat natürlich keinen seiner geschmiedeten Pläne wirklich in die Tat umgesetzt bis jetzt, wie gewöhnlich.
Und es lässt ihn, ebenfalls wie gewöhnlich, auch an diesem Morgen relativ kalt.
„Muss ich mir für die nächste Zeit eben bisschen mehr vornehmen“, dachte er noch, ehe er sich aus dem Bett erhoben hatte.
Sein schlechtes Gewissen hatte ihn schon erinnert, gezwungen eine Bilanz zu ziehen, noch bevor er die Augen richtig offen hatte.
Doch als er sich, noch gut gelaunt, schließlich in der Küche niederlässt, da plagt ihn bereits ein anderer Gedanke, der die Leichtigkeit eines jeden seiner Geburtstage in der Vergangenheit zumindest ein wenig verfliegen ließ.
„Wird er anrufen?“, „wird er an mich denken?“ schießt es ihm durch den Kopf.
„Sicher wird er anrufen“, „dieses Mal, dieses eine Mal wird er mich nicht vergessen“. Denkt er. Redet er auf sich selber ein. Immer wieder.
Gemeint ist sein Vater.
Sooft hatte er auf ihn gewartet. Stundenlang neben dem Telefon gesessen, wenn er versprochen hatte, er würde anrufen.
Sooft hat er im Minutentakt aus dem Fenster gesehen, wenn er versprach, er würde ihn und seinen Bruder abholen.

Sooft umsonst.
Und es brach ihm das Herz. Jedes einzelne Mal, denn er liebt seinen Vater abgöttisch.
Niemand versteht ihn, „scheiß auf ihn“, sie sagen es sooft zu ihm. Doch er kann es nicht.
So sehr er auch enttäuscht war, jedesmal, wenn er wieder von ihm hängen gelassen wurde, so sehr freute er sich, wenn sein Vater ausnahmsweise eines seiner Versprechen wahr werden ließ.
Und auf diese Freude zählt er auch an diesem, seinem ganz besonderen Tag. Als hofft er darauf, er könne einfach alles vergessen, was sich die Jahre zuvor aufgestaut hatte.
Als hofft er darauf, dass dieser eine Anruf, dieses eine Geschenk ihm endlich beweisen können, dass er seinem Vater ebenso wichtig ist, wie sein Vater ihm.
Er hofft darauf, dass sein Vater ihm endlich in der Lage ist, zu zeigen, dass er ihn liebt, ebenso, wie er ihn liebt.
Sein größter Wunsch, jedes Jahr glaubt er wieder daran, dass er endlich in Erfüllung geht.

Doch so groß die Hoffnung für dieses Jahr auch ist, wie an jedem anderen Geburtstag ist er sich durchaus der Gefahr, doch enttäuscht zu werden, irgendwo in seinm Hinterkopf ständig bewusst.
Und an diesem Tag ist es ihm besonders wichtig, an seinem besonderen Tag.
Was andere in seinem Alter alles bekommen zu ihrem 18. Autos. Führerscheine. Reisen. Beweise der Liebe.
Und so sehr er sich auch über die vielen Glückwünsche freut, die er im Laufe des Tages entgegennehmen darf, über die Geschenke, die Angst diesmal wieder nichts von seinem Vater zu hören, sie ist zu groß, größer als das bisher je der Fall war.
Sie belastet ihn in jedem einzelnen Moment des Tages, von dem er sich eigentlich so sicher war, es würde einer der größten seines Lebens werden.
Beim Weg in die Schule genauso wie bei der Feier im kleinen Kreis am Nachmittag.
„Was, wenn er nicht anruft?“, schreit es in ihm, im Laufe des Tages immer öfter. Immer lauter.
Und so sehr er sich, bis zum Abend, noch gefragt hatte, warum ihn dieser Gedanke mit einer derartigen Schwere belastet, so sehr fällt es ihm Abends, zwanzig Uhr plötzlich wie Schuppen von den Augen:
„Wenn er sich heute nicht meldet, wenigstens heute. Dann liebt er mich nicht. Dann muss er mich doch hassen“, denkt er.
Als er bereits wieder mit einem Stuhl direkt in der Mitte des Zimmers sitzt. Um dem Telefon möglichst Nahe zu sein, um jedesmal losstürmen zu kommen, sobald es klingelt.
Um jedesmal enttäuscht zu sein, wenn er nach dem Abnehmen nicht die Stimme seines Vaters hört.

„Ich geh jetzt ins Bett“, sagt seine Mutter und blickt ihn dabei mit sorgenvollen Augen an, denn sie weiß genau, worauf er wartet. Und sie befürchtet, genau wie er inzwischen selbst, was ihn erwartet.
Die Uhr zeigt bereits viertel vor zwölf.
Zehn vor zwölf.
Von vor zwöllf.
Zwölf.
Fünf nach zwölf, es kommen ihm die ersten Tränen. Er fühlt sich ungeliebt. Vergessen.
Noch ungeliebter, noch vergessener, als er sich sonst sowieso schon oft genug fühlt.
Er hatte so sehr darauf gezählt, dieser eine Tag, dieser eine Anruf, dieses eine Geschenk, sie könnten alles verändern. Zum Positiven.
Und wieder wurde er enttäuscht.
„Bis um eins bleibe ich noch sitzen, vielleicht ist ihm was Wichtiges dazwischen gekommen“, redet er sich selber noch mit der letzten verbliebenen Hoffnung ein.
Viertel nach zwölf.
Halb eins
Viertel vor eins.
Eins.
Fünf Stunden hatte er nun vor dem Telefon gewartet.
Eine davon weinend. Nun ist ihm klar: Er wird nicht mehr anrufen. Wahrscheinlich wäre er noch sitzen geblieben bis zum nächsten Morgen, hätte er noch im geringsten die Hoffnung wahren können, dass sein Vater ihn doch anruft.
Aber er kann es nicht. Also beschließt er, ins Bett zu gehen, denn der Schlaf ist der einzige Zustand, in dem er in der Lage ist, diese Kränkungen aus seinem Gedächtnis zu verbannen.
Der einzige Zustand in dem er nicht den unbedingten Willen verspürt, sich gegen das Gefühl des Nicht-Geliebt-Werdens wehren zu müssen.

Weinend steht er also auf, begibt sich ins Bad. Zähne putzen, waschen. Wie an jedem anderen, gewöhnlichen Tag.
In den Spiegel sehen, traurig sein darüber, die Gewissheit haben zu müssen, den nächsten Morgen aufzustehen und sich wieder ungeliebt zu fühlen. Wie an jedem anderen, gewöhnlichen Tag.
Doch diesmal empfindet er, als er sich vom Spiegel weg in Richtung seines Zimmers begeben will, ganz plötzlich, wie etwas beginnt in ihm aufzusteigen. Denn es ist, es war nicht jeder andere, gewöhnliche Tag.
Die Gedanken, die ihm bereits direkt nach dem Öffnen der Augen durch den Kopf gingen, sie sind mit einem Mal wieder präsent.
Was er alles geplant hatte, sich vorgenommen. Nicht erfüllt. Was er sich selber alles versprochen hatte. Nicht gehalten.
Doch sie fühlen sich anders an. Viel merkwürdiger, diese Gedanken machen ihm plötzlich eine solche Angst, dass es ihn beinahe schockiert.
Und als er sich wieder zum Spiegel dreht, um noch einen Moment inne zu halten, noch kurz nachzudenken, sich anzusehen, sich zu sagen „das bist du, du bist gut, genau so, wie du bist“.
Da sieht er plötzlich seinen Vater im Spiegel.
Und verliert vollkommen die Kontrolle. Fängt mit der bloßen Hand an, auf den dreiteiligen Spiegel einzuprügeln, bis nichts mehr von ihm übrig bleibt, ausser Scherben.
Bis seine Mutter völlig aufgelöst das Bad betritt und ihn mit noch sorgenvolleren Augen anblickt.
Überall Scherben.
Überall Blut.
Er mittendrin. Sein Arm ist aufgeschnitten von den Fingern bis zum Ellbogen, doch er steht einfach da. Ohne sich zu rühren. Ohne eine Träne, irgend eine Emotion. Als wäre nach diesem Ausbruch der Wut nichts übrig geblieben, ausser der totalen Leere.

„Weg da“ sagt er zu ihr, geht an ihr vorbei, als wäre sie gar nicht da. In die Küche, dort wickelt er seinen Arm in Mull und legt sich schlafen.
Selbst einschlafen ist an diesem Abend ungewöhnlich, denn es ist kein Problem, was ihm bis dahin völlig unbekannt war. Er ist so leer, dass ihn selbst die schlimmsten Gedanken nicht mehr quälen können.
Schließlich hatte er endlich Gewissheit nach diesem besonderen, seinem ganz besonderen Tag.

Und direkt am Morgen des nächsten Tages, den er natürlich, wie sooft, nicht wie eigentlich pflichtgemäß vorgesehen, in der Schule, sondern zu Hause verbrachte, wird ihm auch relativ schnell bewusst:
Ein Wunsch ist ihm in Erfüllung gegangen. Der Tag seines achtzehnten hatte tatsächlich etwas verändert, auch wenn er noch nicht wirklich deuten kann, was diesen Gedanken hervorruft, so kann er es doch in aller Deutlichkeit fühlen.
Erstaunlicherweise ist er sogar gut gelaunt, was zum einen daran liegt, dass seine Mutter ihn aus Mitleid an diesem Morgen nicht wie gewöhnlich mit aller Gewalt versucht, in die Schule zu verfrachten.

Zum anderen ist die gute Laune bedingt durch die Vorfreude auf etwas, auf ein Gefühl, von dem er sich eigentlich geschworen hatte, er würde es nie kennen lernen: XTC.
Die Vorfreude auf das Gefühl, dass ihm einfach unbeschwertes, durch nichts belastetes, von ihm sonst ungekanntes Glück bescherte, sie reicht um die Geschehnisse des gestrigen Tages zu vergessen. Für den Moment.
Diese Vorfreude und die Gewissheit, sich mit dem Haufen Harz, den er bereits in seinem Rucksack hatte, das Gedächtnis einfach wegkiffen zu können.
Dummerweise muss er mit dem XTC, wenn er seine zehn Pillen nachher bekommt, noch einen Tag warten, bis er es tatsächlich nehmen kann. Denn wir haben erst Donnerstag, den Freitag in der Schule zu erscheinen, dass hatte er sich fest vorgenommen.
Ausnahmsweise, denn es wird kein gewöhnlicher Freitag, ein Fußballturnier der Oberstufe wird statt finden, auf das er sich schon wochenlang gefreut hatte.
Gegen Mittag macht er sich dann also auf den Weg, um erst die zehn Pillen zu holen und sich dann gegen Abend, wie an jedem anderen, gewöhnlichen Tag bei einem Kumpel einzufinden und sich mit diesem so lange zuzukiffen, bis sich kein Rad mehr dreht.
Bis die Gedanken endlich Ruhe geben.

Bis der Kumpel schließlich einschläft, er hat ja sein Bett direkt neben sich, und er sich auf seinen Heimweg begibt.
Doch an diesem Abend, als er seinen Kumpel neben sich einschlafen sieht, gedankenlos-bekifft wie immer, kann er nicht aufhören, an den Beutel mit den Pillen zu denken, den er in der Tasche hat.
Denn die Gedanken, sie geben heute keine Ruhe. Der vergangene Tag, sein ganz besonderer Tag, er läuft wieder und wieder vor seinen Augen ab, der Gedanke um den Moment, an dem er plötzlich begonnen hatte, auf den Spiegel einzuprügeln. Er ist ständig präsent.
Immer wieder versucht er, diesen Moment irgendwie zu ergründen, so lange bis er sich daran erinnert, wie er sich fühlte, als er das erste Mal eine Pille gefressen hatte. Das erste und bis dahin einzige Mal
Innerhalb von Sekunden hatte er den Beutel aus seiner Tasche auf dem Tisch, nur weitere Sekunden später eine Halbe eingeworfen. Denn er erinnert unbeschwertes, durch nichts belastetes, von ihm sonst ungekanntes Glück.
Was ihm in diesem Moment mehr Wert ist als alles andere, schon ganz und gar ein Fußballtunier. Oder Schule.

Eine viertel Stunde hatte er gewartet, bis sein Kopf plötzich anfängt ganz leicht zu werden, zur Seite zu kippen. Alle negativen Gedanken, sie sind plötzlich wie weggeblasen.
Nichts als Träume und die Freude darüber endlich achtzehn zu sein.
Endlich. Er sitzt einfach da. Ist glücklich. Nichts als Träume.
Das Gefühl der Unbeschwertheit, unbeschreiblich, der Traum eine unbeschwerte Zukunft zu haben, scheinbar unendlich. Unbeschreiblich schön.
Mehr davon. Nummer zwei. Drei. Vier. Bis Nummer acht.
Im Laufe der Nacht beschließt er ganz beiläufig, sich den nächsten Morgen doch in die Schule zu begeben.
Zwar ist ihm bewusst, dass sein Zustand anderen auffallen wird, aber es ist ihm egal.
Aus einem Grund, den er sich momentan zwar nicht erklären kann, dies aber auch weder will noch muss.

Also begibt er sich den nächsten Morgen pünktlich auf den Heimweg, um nicht zu spät zu kommen.
Als er daheim ankommt und versucht, seinen Rucksack zu packen und dafür länger braucht als gwöhnlich, kommen kurz einige Zweifel daran, dass ihm sein Vorhaben heute Fußball zu spielen wirklich Freude bereiten wird, in seinem Zustand.
„Meine Schuhe muss ich noch einpacken“, nimmt den Rucksack, blickt sich um „was wollte ich einpacken?“, stellt den Rucksack ab, „ach die Schuhe, genau!“, nimmt die Schuhe, „was wolte ich nochmal mit den Schuhen?“, stellt sie ab, nimmt den Rucksack, fragt sich „was wollte ich noch einpacken?“.

Ein ganze Zeit geht das so, bis er schließlich seine Sachen zusammen hat. Er eilt noch schnell ins Bad, sieht den zertrümmerten Spiegel, blickt auf seinen Arm und zweifelt wieder, dass es gut für ihn seine wird, wenn er sich jetzt auf den Weg Richtung Schule macht.
Woran er allerdings merkwürdigerweise keine Sekunde zweifelt: Es trotzdem zu tun.

Auch nicht, als er vor einem anderen Spiegel kurz halt macht, nur um zu sehen, dass sein Unterkiefer längst unkontrolliert zittert, so sehr, dass sogar die Zähne aneinander schlagen.
Auch nicht, als er seinen Rucksack in die Hand nimmt, die Tür allerdings nicht durchquert, mehrere Minuten lang, nur weil ihm par tout nicht einfallen will, wo er eigentlich damit hin wollte.
Auch nicht, als er auf die Uhr blickt und feststellt, dass er für die Dinge, die normalerweise maximal zehn Minuten in Anspruch nehmen beinahe 90 Minuten gebraucht hatte.
„Scheiße. Doch zu spät. Scheiße. Bus weg.“
Noch schnell Nummer neun eingeworfen. Mutter wach gemacht.
„Fahr mich mal bitte in die Schule“, so wirft er seine Mutter aus dem Bett.
Die sofort die Tränen in den Augen hat, als sie ihn das erste Mal ansieht.
Die die ganze Zeit, den ganzen Weg bis zur Schule versucht, ihn von seinem Vorhaben abzuhalten. Vergeblich.
„Dann lauf ich eben“ sagt er und wie immer, wenn er lange genug quängelt. Sie tut es doch.

Als er aus dem Auto aussteigt heult seine Mutter Rotz und Wasser. Aus irgend einem Grund ist ihm das völlig egal, doch er will es sich weder erklären, noch muss er es.
Er macht sich einfach in aller Entschlossenheit auf den Weg Richtung Turnhalle, zum Hintereingang, dem Eingang, der den Umkleidekabinen am Nächsten ist.
Schließlich ist er schon zu spät, also erst schnell umziehen, dann von den im Keller gelegenen Kabinen schnell die Treppen hoch in die Turnhalle.

Als er in der Halle ankommt, auf die gegenüber liegende Tribüne blickt, auf der alle, wirklich alle, bereits längst versammelt sind, durchfährt ihn mit einem Mal die Angst
„Was tue ich hier eigentlich?“, fragt er sich genau in dem Moment, als er feststellt, dass er die Sache mit dem Umziehen einfach vergessen hat.
Doch es ist zu spät. Er kann nicht mehr zurück. Alle 150 auf der Tribüne versammelten Augen blicken ihn bereits an.
Und die des einzigen vor der Tribüne befindlichen Menschen, dem Organisator des Turnieres. Der freundlicherweise extra seine bereits begonnene Rede für ihn unterbricht, um ihn über das Mikrofon zu begrüßen.

Alle sehen ihn an. Kein Ton ist zu hören, man könnte sogar die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören.
Mit jedem Schritt Richtung Tribüne wird die Angst größer.
Mitten in der Halle schießt ihm plötzlich das Bild durch den Kopf, dass ihm eben noch der heimische Spiegel offenbarte.
Und die Angst ist mit einem Mal so groß, dass er einfach stehen bleibt.
Stehen bleibt und dabei nach unten blickt. Sich wünscht, alle anderen würden ihn genauso wenig sehen, wie er sie, wenn er nach unten blickt.
Und durch wie er ist, der Wunsch greift. Circa für 30 Sekunden, bis das erste Blut aus seinem Mund auf den Boden tropft, weil er sich alles aufgebissen hatte im Laufe der Nacht.
Weil die krampfartigen Zitterbewegungen seines Unterkiefers zwischenzeitlich so stark waren, dass er sich gleich mehrere blutende Wunden im Mund zugezogen hat.
Und dann kommt es, wie es wohl musste.
Die ersten beginnen zu lachen, für einen Moment wird ihm bewusst: So viele wollen es ihm heimzahlen, sie werden es sicht nicht nehmen lassen, sich über ihn zu amüsieren.
Über seinen erbarmungswürdigen Anblick, zu Grunde gerichtet bis aufs letzte. Inklusive des zerschnittenen Armes.
Panik bricht ihn ihm aus, so groß ist die Angst inzwischen.
„Weitergehen, einfach weitergehen“ schießt es ihm durch den Kopf, auch noch in dem Moment, als er diesen hebt und feststellt, dass ihn immernoch alle in der Halle befindlichen Augen anblicken.
Dass jeder einzelne in der Halle über ihn lacht. Sich zumindest über ihn unterhält.
Mit einem Mal wird ihm bewusst, was er merkwürdigerweise längst schon wusste: Das alles ist kein Spass mehr. Er setzt hier mehr auf´s Spiel als nur seinen Ruf. Dieses Mal geht es endgültig um seine Zukunft.
Die Panik wird noch größer. Die Tränen schießen ihm in die Augen, als er sich setzt.
Sie lachen noch lauter, unterhalten sich noch unüberhörbarer. Blicken ihn noch penetranter an.
Komischerweise kommt ihm selbst jetzt noch nicht einmal der Gedanke, auf möglichst schnellem Wege die Halle zu verlassen. Nach Hause zu gehen.
Er will sich umziehen. Und mitachen. Wie geplant.
Er kann sich selbst nicht erklären, warum er diesen unbedingten Willen hat, obwohl er sich ständig fragt „Lieber Gott, was tue ich bloß hier?“
Will es sich gar nicht erklären. Muss er auch gar nicht.
Nach unten sehen. Sich einreden, keiner merkt ihm was an. Alles, was er muss.
„Viel Erfolg!“ hört er die letzten Worte des irritierten Redners, springt auf, hetzt Richtung Tür, um sich ein Stockwerk tiefer umzuziehen.
Auf halbem Weg merkt er bereits, wie sein Klassenlehrer ihm folgt, als er sich kurz nach hinten umdreht.
„Weiter, geh einfach weiter“, denkt er sich und kann sich diesmal erfolgreich einreden, sein Klassenlehrer würde aus irgend einem Grund nur zufällig den gleichen Weg wählen, wie den, den er zu gehen hat.
Bis es ihn auf der Treppe nach unten plötzlich am Arm packt, er wird mit einem Ruck von seinem Lehrer einfach zu ihm rumgerissen.
Blick ihm ins Gesicht. Mitten ins wutenbrannte Gesicht, mit weit aufgrerissenem Mund. Bereit loszubrüllen.
Doch vom einen auf den anderen Moment beginnt sich der Gesichtsausdruck zu verändern, Unfassbarkeit macht sich breit. Traurigkeit. Verzweiflung.
Die Hand, die seinen Arm gerade noch mit aller Entschlossenheit festhielt, sie streicht plötzlich ganz zart über seine Wange.
Aus den zusammengekniffenen, wutererfüllten Augen, in die er vor einem Moment noch blicken musste, aus diesen Augen kullert plötzlich eine Träne.
Wie bei einem Abschied. Einem Abschied für immer.
Der Gesichtsausdruck seines Gegenübers brennt sich direkt in sein Gehirn, nie hatte er etwas derart trauriges, verzweifeltes, machtloses zuvor schonmal gesehen.
Und auch wenn der Spiegel daheim, das Bild, das er in diesem Spiegel sah, trotz aller Erbärmlichkeit überhaupt keine Emotionen oder Angst in ihm auslösen konnte; nun weiß er endgültig, was er mit sich angerichtet hat. Wie er sich zugerichtet hat.
Das er vielleicht seine Zukunft verbaut hat. An einem Tag. In nur wenigen Stunden.

Doch selbst als er wieder anfängt zu weinen, als der Lehrer sich umdreht um ihn, apathisch mit dem Kopf schüttelnd, wieder Richtung Halle zu verlassen, ist er immernoch fest entschlossen, teilzunehmen an diesem Turnier.
Obwohl er sich ständig fragt, welcher Teufel ihn wieder geritten hat. Obwohl er solche Angst hat.
Er will mitmachen, obwohl er solche Panik in sich ausbrechen spürt.
Er kann es sich nicht erklären. Will er wohl auch nicht. Muss er scheinbar auch nicht. Immer noch nicht, denn er macht sich auf den Weg in die Kabine, um sich umzuziehen.
Das gleiche Spiel wie kurze Zeit zuvor noch daheim. Beim Auspacken genauso, wie beim Einpacken. Vornehmen. Nehmen. Vergessen.
Wie viel Zeit dabei vergeht, das kriegt er inzwischen schon gar nicht mehr mit. Der Gesichtsausdruck seines Lehrers, die Träne, das Lachen der anderen, deren Gesichtsausdrücke, es geht ihm nicht aus dem Kopf. Völlig planlos irrt er durch die Kabine. Panisch. Heulend. Entschlossen.
Als bildet er sich ein, er könne einfach irgendwie in die Halle zurückkehren und so tun, als sei nichts gewesen oder gar er könne alle glauben machen, dass nichts gewesen sei.

Er nimmt beiläufig noch eine Durchsage des Turnierdirektors wahr, „Wer noch eine rauchen will, der soll das bitte jetzt tun. Und bitte vor dem Hinterausgang.“
Allerdings ist er zu beschäftigt mit sich selbst, dem Umziehen, er ist einfach zu durch um noch irgend etwas richtig wahrzunehmen.

Bis er das erste Mal seinen Namen hört. Zweimal. Dreimal, sein Name fällt immer wieder.
Ihm fällt wieder ein, der Hinterausgang, er befindet sich direkt neben der Kabine, in der er vergeblich versucht, sich umzuziehen.
Er blickt zum Fenster: Gekippt, offen.
Beinahe alle sind inzwischen dort versammelt. Ebenfalls ohne zu merken, dass das Fenster nicht geschlossen ist. Nicht in der Lage, es überhaupt zu bemerken, da außen von Büschen verdeckt ist.

„Habt ihr gesehen, das Blut, den Arm. Da hilft nur noch Psychatrie“,
„ach, selbst das nicht, den einzigen Gedanken, den ich mir noch mache, ob er die Augen immernoch so aufreisst, wenn er in Kürze in der Kiste gelandet ist.“
Lachen. Freunde. Klassenkameraden.
Wie sie lachen, als würden sie ausgelassen feiern. Einfach nur, weil sie glauben, endgütlig sicher sein zu können, dass er vor die Hunde geht.
20 Minuten lang. Es tut so weh. Er will einfach weg laufen. Einfach nicht mehr sein. Wünscht sich tot.
Sinkt einfach zurück, setzt sich. Kann nicht mal mehr weinen. Kann nicht weg laufen, so sehr es weh tut.
Hört sich alles mit an, die ganze Zeit.

Registriert erst, dass es vorbei ist, als er mit einem Mal weiß, was das größte Geschenk war, dass man ihm zum Geburtstag machte.
Als die Ruhe um ihn herum ihn wieder mit seinen eigenen Gedanken alleine sein lässt.
Die Angst, er könne nicht wertvoll genug sein, um ihn lieben zu können, sie ist, was er bekam an seinem achtzehnten. Sein Geschenk.
Mit einem Mal kann er die Gewissheit benennen, von der er einen Tag vorher nur fühlte, dass sie neuerdings da ist.
Er weiß jetzt: Sein ganzes Leben wird er Beweise brauchen, dass man ihn wirklich liebt, dass man ihn wirklich gerne hat.
Er wird es nie wieder einfach glauben können.
Plötzlich weiß er, warum er sich das alles antut, diesen Moment, diesen ganzen verdammten vormittag.
Sie alle sehen, wie es ihm wirklich geht. Wie schlecht es ihm wirklich geht.

Er hat sich ausgeliefert. Seine Zunkft ausgeliefert.
Es war ein weiterer Versuch, einen dieser Beweise zu bekommen. Nichts anderes.
Am Ende folgenreich Fehl geschlagen.
„Vielen Dank. Wie immer…?“

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