Archive for the '7. Geschichten' Category

24
Okt
10

“Was, wenn…?”

Aufgeregt hetzte er durch seine Wohnung. Die neuen Klamotten in seinem Schrank, sie waren ihm wie ein Geschenk des Himmels.
Jeden morgen, wenn er Aufstand zur Arbeit, sprang er auf in Euphorie, um mit einem breiten Grinsen im Gesicht den Schrank zu öffnen und seine neuen, seine ersten Statussymbole, die er sich zulegen konnte, einfach nur zu bewundern.
Und sich vorzustellen, wie er vor seinen Freunden in ihnen glänzen würde, wie er sich wohl fühlen würde in ihnen.
Wie er sich in ihnen sicher fühlen könnte.
„Was wenn…?“, schoss ihm am Freitag Abend wieder einmal durch den Kopf, eine Frage, die ihn verfolgte, seit seinen Kindestagen.

„Was, wenn ich nach Hause komme und Papa hat wieder getrunken?“

„Was, wenn ich wieder nach Hause komme, ich Mama wieder bewusstlos und blutend auf dem Wohnzimmerboden finde?“

„Was, wenn Mami ihre Drohung wahr macht und sie die Schlaftabletten tatsächlich schluckt?“

Und wie immer bekam er Antworten auf seine Fragen, wie immer die grausamsten.
Mami schluckte die Schlaftabletten.
Papi hatte wieder getrunken.
Mami hatte in ihren letzten Atemzügen wieder blutend auf dem Boden um Gnade gewinselt.

„Was, wenn ich irgendwann alleine bin auf dieser Welt? Ins Heim? Auf die Straße?“

Diese Frage hatte sich praktischerweise gleich mit erledigt. Denn Daddy wanderte, wegen versuchtem Totschlag, zehn Jahre hinter schwedische Gardinen.
Er ins Heim.
Auf die Straße.
Ins Heim.

„Was, wenn Nachts die Tür wieder aufgeht? Wird es der Pfleger sein, sich lieb um mich zu kümmern? Oder die Großen, die mich einfach nur wieder zur Belustigung stundenlang quälen und demütigen?“

„Was, wenn es woanders vielleicht schöner ist, als hier mit den Menschen? Vielleicht, wenn ich die Augen nie mehr öffne, vielleicht darf ich dann ewig träumen?“

Aber diese Frage, deren Beantwortung mit einem Selbstmord zu vollziehen, dass stand für ihn nie zur Debatte. Denn er war alles andere als dumm, auch wenn es nicht direkt das Abitur war, so wahrte er sich doch in der harten Zeit im Heim alle Hoffnung auf eine Zukunft.
„Was, wenn sie mich eines Tages lassen?“, diese Frage machte es ihm warm ums Herz. Denn er verstand sehr wohl diese Welt, ihre Menschen und auch wenn der Weg noch so hart würde, er verlor nie die Hoffnung auf ein Leben, dass ihm einmal beim Aufstehen ein Lächeln ins Gesicht zaubert.
Denn er hatte ein Herz zum Kämpfen. Und er kämpfte. Immer mit der strikten Weigerung im Hinterkopf, sich selbst zu vergessen, er hatte es sich geschworen, er würde, wenn es ihn weist, immer zugunsten des Herzens entscheiden.

So nahm er sein letztes Geld, um an Anti-Nazi-Demos teilzunehmen. Oder nahm es gar, um es Katastrophenopfern zu spenden.

„Was, wenn sie wieder hinter meinem Rücken reden? Wenn sie wieder über meine zerrissene Hose und meine zerlatschten Schuhe lachen, sich amüsieren, ich solle mir doch erst einmal ordentliche Klamotten kaufen und dann erst den Bimbos helfen, oder die Welt retten?“

Ja, er hatte Angst. Denn an niemandem geht sie spurlos vorbei, diese willkürliche Demütigung, aus Langeweile. Aus Boshaftigkeit. Aus Neid.
Und er gab sein Geld trotzdem. Immer im Glauben, eines Tages würde er dafür belohnt, dann könne er lachen, ohne das er sein Herz dabei zwingen müsse zu weinen.
Und so kam es. Er kämpfte sich im Heim noch durch eine Lehre, bis er im dritten Lehrjahr immerhin nur noch fünf Tage des Monats hungern musste, um alleine in einer Bruchbude zu wohnen.

„Was, wenn sie mich besuchen kommen? Werden sie wieder über mich lachen, wenn ich mein eigenes Bett nicht benutzen kann, weil sie es mit Absicht total einsiffen und ich nicht mal mehr Klopapier habe, um es zu säubern?“

„Was, wenn sie wieder, mitten im Sommer, direkt am See, vor allen lachen? Warum ich nicht froh sei? Ich hätte mir ja mit meiner Bettwäsche wenigstens jetzt den Arsch abwischen können, wo ich sie eh nicht mehr brauchen kann…“

„Was, wenn sie wieder dabei ist, wenn sie mit ihnen gemeinsam über mich lacht?“

Sie, dieses eine, wunderschöne, hauchzarte, ganz besondere Mädchen.
Natürlich hatte man keine Hemmungen. Man lachte.
Es tat so weh, doch ebenso natürlich: Er kämpfte.
Und wurde belohnt.

Er bekam das Mädchen, sie erkannte die Sonne, die er sich in seinem Herzen, trotz allem, als einer der wenigen noch bewahrt hatte. Er konnte gar mit ins Haus ihrer Eltern ziehen und als er all seine Kraft nahm, all seinen Schlaf und jeden Pfennig opferte schaffte er es sogar, für die gemeinsame Zukunft, eine wahre Perspektive zu schaffen: Das Abitur in der Abendschule.

„Was, wenn ich nicht gut genug für sie bin?“

Diese Frage, sie zermarterte ihn jede Sekunde in der sie getrennt waren, die Narben die seine Vergangenheit ihm ließ, sie erinnerten ihn so sehr an das Gefühl der Einsamkeit, dass er sooft schon durchleiden musste. Doch er kämpfte weiter.
Und wurde wieder belohnt. Einmal sogar mit Glück.
Denn ein Gewinn am Pokertisch war schließlich die Initialzündung, um ihn endlich zu beginnen: Den Start in ein eigenes, freies, in jeder Sekunde seines Lebens hart erkämpftes, glückliches Leben.

Und so stand er nun da, an einem Freitag Abend. In seinen neuen Klamotten. Mit seinem neuen Handy. In seiner neuen, schicken Wohnung. Sich immer wieder „was, wenn….?“ fragend. Triumphierend, denn egal, was sie auch für Probleme haben würden, seine Freunde mit denen er verabredet war zum Feiern, mit ihm, mit sich, mit der ganzen Welt.
Sie konnten es nicht wieder an ihm auslassen. Sich an seinem Leid belustigen, sie konnten ihn nicht wieder in Gedanken durch seine traurige Vergangenheit jagen, treiben, so wie die Katze die Maus vor sich her hetzt.
„Was, wenn…“, die Frage, die ihm seit den jüngsten Kindesbeinen einen Schauer durch den Leib jagte, sie bereite ihm ein wunderbares Wohlbehagen.
Denn die Antwort lautet immer gleich: „Nichts! Einfach nichts!“
„So will ich alt werden“, waren seine letzten Gedanken, als er die Wohnung verließ.

Und es war ein toller Abend, alles wie immer. Bereits im Flur zur Wohnung seiner Kumpel roch es nach Stoff, wie immer saßen sie bereits tagelang zusammen. Wie immer war die Bude runtergekommen, wie immer verschimmeltes Essen auf dem provisorischen Tisch, der im Wohnzimmer stand. Ein mindestens zwei Wochen liegender, bereits die Raumluft mit Aroma füllender, schimmelnder Schinken, war alles, was neben drei Aschenbechern auf dem riesigen Pappkarton zu finden war.
Nur eins war nicht wie immer. Er scherzte mit, wenn einer Vorlaut wurde, erst vorsichtig, dann immer befreiter, zum ersten Mal in seinem Leben war er unter einer Gruppe Menschen und fühlte sich dabei nach und nach völlig frei von Angst.
Einmal, ganz ohne „was, wenn…?“

Bis er es sich wagte, eine etwas herablassende Bemerkung, über die Aufmachung seiner Freunde, in die Runde zu werfen.
Plötzlich Stille, im ganzen Raum. Zwar wagte es sich keiner, ihm contra zu bieten, denn sie würden in jeglichem Vergleich den Kürzeren ziehen.
Doch ihre Blicke, alle plötzlich auf ihn gerichtet, anvisierend, als wollten sie ihm sagen: „Der Tag wird kommen, an dem wirst du einen Moment wieder schwach sein. Das hast du nicht umsonst gemacht.“

„Was, wenn ich irgendwann wieder klein bin?“, so schoss es ihm durch den Kopf. Kurz darauf beschloss er schließlich zu gehen, denn in der eisigen Kälte, die seit diesem Moment in der Runde herrschte war keine gute Laune mehr möglich.
Dabei hatte er es nicht mal böse gemeint, schließlich wusste es ja gerade er, dass es keinen zum schlechten Menschen macht, nur weil seine Kleidung schlecht aussieht.
Er brauchte lange zum Einschlafen diese Nacht, denn nur dieser Blick, er ließ ihn im Dunkeln wieder fürchten, die Frage „was, wenn…?“, sie war wieder in allen Variationen und in aller ihrer Grausamkeit in seinem Kopf präsent.
Zwar versuchte er immer wieder, das Glück, dass er beim Verlassen seiner Wohnung am Abend noch verspürte mit in die gedankliche Waagschale zu werfen, doch es blieb ein Unbehagen bis zum Einschlafen.

Den nächsten Morgen erhellte ein Schrei das ganze Haus zur frühen Stunde, es war der Schrei seiner Freundin.
Hinter der Badtür, die schlicht beklebt war mit einem Zettel auf dem die Worte „es tut mir so leid“ standen, da hing er von der Decke. Leblos. In seinen guten Klamotten.
Der, der so viele Kämpfe austrug, austragen musste, sich nie umwerfen ließ, der, der immer das Herz hatte, um zu kämpfen.
Er war doch noch gebrochen.
An einem Blick seiner Freunde, an einer Nachrichtensendung. Und an einem schimmligen Schinken.
Denn er verstand diese Welt, er verstand die Menschen, die auf ihr leben.

„Was, wenn sie mir irgendwann doch nochmal glauben weh tun zu können?“

Dann würden sie ihm alles heimzahlen, was er eigentlich nie getan hatte. Sie würden es ihm wohl nie vergessen. Seine Vergangenheit.

„Was, wenn ich wieder der Schwächste bin?“

„Was, wenn die Dinge wohl unweigerlich so kommen, wie sie die Nachrichten in all der Verlogenheit derjenigen Menschen, um die sie sich drehen, ankündigen?
Was, wenn dieses beschissene Stück geschimmelter Schinken, nur ein Stück davon, der Anspruch wäre den ich stelle, einfach, weil ich es muss?
Neben diesen Menschen, meinen Freunden, die meinen bloßen Anspruch auf Gleichberechtigung mit einer gedanklichen Vendetta quittierten?“

„Was, wenn ich es trotzdem tun müsste, weil ich eben Hunger leide?“

„Was, wenn alle dann Hunger leiden?“

„Was, wenn ich dann wieder der Schwächste bin?“

„Was, wenn ich immer der Schwächste bleibe, nur weil ich mich weigere, der Stärkste zu sein?“

Er würde es in einer solchen Situation immer bleiben, der Schwächste.
Und es musste ihm klar werden: Der Tag wird doch noch kommen, an dem er sich entscheiden müsste, zwischen seinem guten Leben und seinem Herz.

„Was, wenn sie über mich lachen, wie ich, der Assi, wie er da hängt?“, fragte er sich.

Er kleidete sich deshalb noch eben in die neuen, schicken Klamotten.
Und entschied sich.
Wie immer. Für sein Herz.

 

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