22
Okt
14

ich bin zu beschäftigt

ich bin zu
beschäftigt

ich bin zu
beschäftigt
das fenster
zu schrubben
für das dröge
restlicht
frei zu machen
von dem dreck
mit dem man
um sich
schmeißt
über mir
höre ich noch
die seilwinde am
seidenen faden
quietschen
doch ich bin zu
beschäftigt

und sehe so
nur zu
wie der putz
langsam
bröckelt

22
Okt
14

Blechweise Pustekuchen

„Hast du meine Frau gesehen?“

„Hast du meine Frau gesehen?“

Das zehnte mal hörte sie es ihren Vater inzwischen ins Telefon sagen, mindestens. Inzwischen war er dabei viel zu hektisch, um sich noch zu verabschieden. Es muss an ihrem fünften Geburtstag gewesen sein, sie weiß noch genau, wie er sich gegenüber setzte. Und in seine traurigen Augen sah. Und die Angst sah, in seinen traurigen Augen. Und sie dieses Gefühl verspürte. Liebe auf den ersten und einzigen Blick. Im Vorbeigehen. Denn sie war zu jung, um seine Angst zu teilen, aber doch alt genug, um zu merken, das etwas nicht stimmte, etwas grundlegendes. Und da war diese Angst um Mama. Und mit ihr dieses Gefühl.
Und die Kerzen auf er Torte, zum Glück. Und so schloss sie die Augen. Um ihre Wünsche einfach auszupusten.

Wie ihr ganzes Leben, bis heute. In der Pubertät, mancher nannte sie Flittchen. Das war sie nicht. Nur auf der Suche. Auf der Suche, nach einer Nähe, die sich näher kommt, immer näher, bis man weiter geht. Zusammen. Um sich hinterher grinsend in den Armen zu liegen und zu wissen, das es einen Moment gab, von dem man höchstens erzählen konnte. Den man aber niemals erklären könnte.
Und sie suchte. Und sie suchte vergeblich. Und sie spürte es, dieses Gefühl, sie spürte es immer wieder, wenn sie sich davon verabschiedete, intensiver, je mehr Angst sie bekam, es würde vielleicht nie kommen. Um zu bleiben. Und sie schloss die Augen. Und pustete die Kerzen aus, wie immer. Immer etwas hastiger.

Und heute nun steht sie vor dieser Kerze, von der ihr bewusst ist. Es wird die letzte sein. Und pustet. Längst außer Atem, der Raum um sie herum ist. Dunkel. Es ist vielleicht immernoch Geburtstag, sie spürt die Blicke der Gäste. Sie hört das Gemunkel. Doch fühlt sich einsam, der Raum um sie herum ist einfach nur finster. Stockfinster. Nur dieses flackernde Flämmchen, um das sie schützend ihre Hand hält, während sie versucht, es auszupusten.

Sie weiß, es wäre ein Abschied für immer, sie denkt, es ist vielleicht besser so. Vielleicht liegt es an ihr. Wenn sie daran denkt, als sie das erste Mal überzeugt war, das Gefühl wäre gekommen, um zu bleiben.
Wie erleichtert war sie, als dieses Versprechen um sie herum in der Luft lag, als sie mit dem Mann alleine war. Der ihr mehr weh getan hat, als irgend jemand anders es bisher je tat. Und von dem sie doch nie so schlecht sprechen könnte, wie es alle anderen tun. Denn da waren seine Augen, dieses Gefühl darin. Und dieses Versprechen.
Und sie kann sich an den Tag selber nicht mehr wirklich erinnern, aber eines Tages muss er wohl einfach aus der Tür gegangen sein. Und mit ihm alles was war, und nichts davon kam zurück, wie es eben ging.
Sie sieht sich noch vor ihm stehen. Hin – und hergerissen. Zwischen dem Gefühl, das da nicht mehr war, tief in seinen Augen, der Angst, gleich, gleich heißt es wieder Augen schließen. Auspusten und Abschied nehmen.
Und diesem Gefühl, das sich wieder ändern könnte, was sich änderte. Ein Gefühl der Hoffnung, so lange er einfach nur da war, vielleicht einfach nur deswegen, weil sie sich nicht erklären konnte. Wie es dazu kam.
Sie sieht sich vor ihm stehen. Den Kopf gesenkt. Sie hört die Ohrfeige knallen, hört sich noch weinen und kreischen. Wie sie die Augen schließt. Und Luft holt. Um zu pusten. Und sie hört noch dieses vielleicht, in ihren Gedanken, fast ist es greifbar, zwischen all den Stimmen. Die ihr sagten. Schwein. Und geh. Und. War doch klar. Und du sollst. Und du musst. Und. Sie hört sich denken. NEIN. Und sie sieht sich die Augen schließen, Luft holen.

Beim Augenaufschlag riecht es. Es stinkt förmlich. Nach Nichts. Um sie herum ist alles so steril, so hygienisch, voll von Menschen. Doch völlig Menschlichkeitsentleert, das sie sich bis heute nicht ganz sicher ist, wie ein solcher Geruch überhaupt zu Stande kommen kann.
Vor ihr eine Frau, ein ekliger Mundgeruch, passend zur Raumluft. Einfach nur. Nichts. Passend zur weißen Weste. Gesundheitsschuhe. Weiße Schnürsenkel. Um sie herum Menschen, in den passenden weißen Jacken, die Ärmel auf dem Rücken, die Gesichter darüber waren im grellen, künstlichen Licht, das aus ihren Augen schien, kaum zu erkennen. Immer, wenn es fast soweit war, das man etwas hätte sehen können, legte jemand etwas grelles nach, was auch immer.
Alles im Schatten dieser Frau, die Haare hatte sie ein wenig wie Arielle, nur mit Glatze darunter, im Gesichter einen Aufnäher: Kein Schwanz ist so hart, wie das Leben.
Und sie erzählte, und erzählte, und erzählte von sich selbst, was sie alles von Menschen Verstand. Nicht explizit, aber die Menge der Worte implizierte das. Irgendwie.
Genauso, wie das Bild einer Frau, die sich aus welchen Gründen auch immer am gleichen Baum schubberte, wie es wohl auch die Wildschweine noch täten, hätten die Verganer ihnen nicht verhängnisvollerweise all die Eicheln weggefressen, von denen sie wohl befürchteten, ein Jäger hätte sie aufsammeln können.
Manchmal schwollen der Lady die Holzperlen, die sie auf Stacheldraht aufgereiht um ihren Hals trug auf die dreifache Größe ihres Kopfes, wahrscheinlich merkte sie deshalb am Ende auch nicht, das eigentlich keiner ihr zuhörte.
Und trotz all der Bilder wirkte sie, mit allem, egal, was sie tat, nur noch domestizierter und hatte inzwischen auch das letzte bisschen Natürlichkeit verloren.
Genau, wie die Lichter auf den Stühlen, die um sie und Frau Mengele herum saßen. Licht strahlte zwar noch. Aber alle Schalter standen lange auf aus und irgendwie schienen sie nicht, als ob sie in der Lage wären, jemanden an sich heranzulassen, der das noch zu ändern in der Lage gewesen wäre
Und doch ging es ihr von Tag zu Tag besser, in der Finsternis des allumgebenden Geruchs, der innerhalb der Räume lag, da sah sie ihr Licht wieder leuchten. Und schließlich!
Hatte sie das letzte, von dem sie das erste Mal dachte, es wäre das letzte, was kam, um zu gehen, wohl nicht gelöscht und in Gedanken roch sie noch dieses Versprechen, zwar war es ein gebrochenes. Doch sie konnte es halten.

Und vielleicht konnte sie es auch wieder geben, dachte sie. Doch nun. Stand sie da, bereit zu pusten, die Flamme schützend, im Finsteren, zwischen all den Augen. Die sie nur reden hörte, nichts weiter. Vielleicht war sie zu lange weg, dachte sie, vielleicht ist es Zeit, dachte sie. Endlich auszulöschen, um sich unter all den anderen wieder zu erkennen.
Und sie schloss die Augen. Und pustete. Und sie öffnete die Augen und es ist, als wären ihre schützenden Hände rund um die Flamme irgendwie. Verwachsen.
Ein Glück. Denkt sie immernoch jedesmal, wenn sie die Augen öffnete, nur um sie wieder zu schließen. Es wurde lauter. Es wird einsamer. Vielleicht kann es ewig so weitergehen, mit Licht, ganz für sich, vielleicht wird die Flamme irgendwann an der Sauerstoffarmut, die sich durch die Leere breit macht, die die anderen Anwesenden ausatmen, von alleine ersticken. Sieht ja keiner. Mehr.

Bis plötzlich. Licht. Durch die Tür, am Ende des Korridors. Die aufgestoßen wurde vom Wind, der wehte, durch ein Fenster zur Außenwelt, von dem sie nicht mehr wusste, das es überhaupt noch existierte, weil es nicht mehr zu öffnen ging, unter all diesen Spinnweben.
Und seit langer Zeit. Ihr Blick geradeaus, ihre Arme baumeln. Und sie erschrickt, vom aufflackern des Wunsches, im zarten Hauch, bis sie erschrak, als sie ihre Gesichter sah, in denen kein Platz mehr ist. Auspustenauspustenauspusten. Und sie schliesst die Augen. Und alles ist still.

Nur die Tür. Knarrt. Und alles ist. Still.

20
Okt
14

Von der Läufersonne (bitte hört nicht auf zu brennen!!!)

Greift dein Verstand das ganze Spektrum,
zupft des Lebens tiefste Seiten
und bleibt die Klarheit dabei Plektrum,
wird dich rauer Ton begleiten.

Liegt vor dir dieser Weg, der bald endet,
werd die dunkle Nacht erst finster,
wenn gar nichts bleibt, was dich blendet,
nicht mal deine Hirngespinster.

Was die einen heut am Tag schon schafft,
fehlt den anderen zum Pennen,
den Träumern raubt er Nachts die Kraft,
wenn sie vor Laternen rennen.

15
Okt
14

wenn traurigkeit nur

wenn traurigkeit
nur ein vogel wäre
wie leicht fiele
uns das hoffen
wüssten wir den himmel
als nest
in dem wir
nach dem abheben
landen um anzukommen

ohne die angst
sich zu verlieren
wie die verlaufenden
tappsen im sand
vor dem kühlen nass
ohne die angst
von den wellen
im sturm
ergriffen und
irgendwo einfach
angespült zu werden

10
Okt
14

Über Wintern

Der Winter hält Einzug in kalten Straßen,
die ersten Menschen, die schon streuen,
scheinen, als ob sie die Freude vergaßen,
wenn sie sich über das Ergebnis freuen.

So verstreuen sie, was ihnen geblieben,
den salzigen Rest getrockneter Tränen,
eingesackt und aufgerieben,
verfüttern sie ans grau ihr Sehnen.

In den Fenstern flackern letzte Lichter,
als kämpften sie dagegen an,
man sieht verhangen traurige Gesichter,
wenn sie das letzte Mal erlischen dann.

Der erste Schnee, er bleibt nun liegen,
Träume, die in Flammen verdampften
die im kalten Wind tanzend zu Boden fliegen,
in dessen Frost sie erst verkrampften

und mit dem sie dann verwehen,
wenn die Schneeberge sich so hoch türmen
das kein Traum darunter mehr zu sehen,
weggefegt von Winterstürmen.

In den Schnee gestapft führen Spuren,
zu dem Rest, der von mir zu noch sehen,
meine abgezeichneten Konturen,
die mit jeder Flocke mehr vergehen.

Ich höre über mir die Stimmen stammeln,
doch keiner braucht sich Hoffnung machen,
keine falsche – Hoffnung war alles, was ich hatte,
und ich werde mit ihr aufwachen,

oder unter ihr einschlafen,
und ich werde mit ihr liegen bleiben,
weil sie mir blieb, als sie mich trafen,
werde ich’s mit ihr zum Ende treiben,

denn, siehst du nicht? in der weißen Weste
verbindet sie sich mit dunklen Rändern
unter blauen Augen tief zum Reste,
der es möglich machte, was zu ändern,

so komm in kalte Laken! Komm! Wir frieren!
Wenn wir uns aufheizen und drinne wälzen,
bis wir uns in der Schneedecke verlieren,
zeugen wir den Frühling noch,
gemeinsam im dahinschmelzen.

10
Okt
14

hauchdünn

Am Fenster höre ich Regen prasseln,
er geht in ganzen Strömen nieder,
übertönt Ketten- und Säbelrasseln
und die immer gleichen Lieder.

Eigentlich ein Tag, wie immer,
irgend etwas liegt in der Luft
irgendwie scheint etwas etwas schlimmer,
zwischen Naturgestank und Abgasduft.

Nur ich frage mich, wo ich bleibe,
werde ich noch Heim kommen?
Mein schwerer Kopf lehnt an der Scheibe
und hofft, er kriegt den Zug genommen.

Hinter mir höre ich was knallen,
vielleicht ist in mir was zerbrochen,
bevor die Tür ins Schloss gefallen,
hab ich den Braten nie gerochen.

Vielleicht hat sich etwas fortgestohlen,
um zu gucken, wo die Trümmer liegen,
um die weit versprengten heimzuholen,
ich wüsst nicht, wo sie herumfliegen.

Dort seh ich sie im Gleichschritt schreiten,
direkt gen Ende, als stünden sie dazwischen
Menschen mit bewaffneten Spezialeinheiten,
als ob sie schießen, ohne mitzumischen.

Ob mir meine eigne Zeit je kostbar war?
Ich stehe bestimmt schon länger hier,
hab keine Ahnung, welches Jahr,
doch ich denke mal, es ist halb vier

und wenigstens habe ich, wie mir scheint,
als man sagte, nimm dich nicht so wichtig,
doch verstanden, was man meint,
nicht genau wie, wohl dafür so richtig.

Gerade summ ich eines meiner Lieder,
da erscheint, wie hinter der Scheibe gefangen,
etwas und schlägt sich auf ihr hauchdünn nieder,
das mir flüstert: Deine Chance ist bald vergangen.

07
Okt
14

Wenn der Hahn erst danach kräht

Während die Welt mit Fingern zeigt,
nach denen sucht, die sie gemacht,
merkt sie nicht, der Druck, er steigt
von innen her – unbedacht
bleibt, junge Menschen detonieren,
wenn sie sich berühren,
wie Chemikalien, die sich kombinieren,
um zur Explosion zu führen.

Sie seh’n den Wahn um sich greifen,
sagen sich „so werd ich nie!“,
sie lassen sich den Scheitel schleifen
und merken es nicht, wie
die eigne Hand zum Abzug geht,
der kalte Stahl zur Schläfe -
leer ist, wer nicht mehr versteht,
warum er fürchtet, das man träfe,

sie lernen sich nicht mehr kennen
die sich einst Freunde nannten,
können gemeinsam Enden nennen,
bevor sie je den Anfang kannten -
aus leeren Worten, Treueschwüren,
wird die Angst, sich nie zu finden,
weil leere Worte dazu führen,
mit dem Menschen zu verschwinden.

So wird aus Liebe, nicht zu fassen,
weil sie nirgends Hoffung finden,
der Versuch, sich nicht zu hassen
und der Zwang, sich fest zu binden,
so werden junge Opfer später Täter,
und junge Täter werden später
so viel zu oft zum (Selbst)Verräter
und, zur Not, Familienväter

und wenn der Mensch so weiter macht,
wird es sich Morgen nicht mehr regen,
muss sich das junge Leben, heute Nacht,
so wie es ist selbst schlafen legen.




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Bedeutet im Klartext: Teilen? Jederzeit! Zerteilen? Kein Stück! Alles, was hier an Texten erscheint, ist geschrieben ohne kommerziellen Hintergrund und in diesem soll es auch bleiben.
Und jedes Wort, das in meinem Namen erscheint, und sei es der Nick-Name, soll damit auch möglichst unter diesem weitergegeben werden, so, wie ich auch mit den Texten anderer verfahre.


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